Canada 1995.6

21.09.1995 Canmore – sehr früh am Morgen

Zu dem immer währendem Musikgenuss gesellte sich dann noch dieses hervorragende Bett: Es war völlig unmöglich auf einer Seite liegen zu bleiben. Ständig kugelte man, weil die Matratzen so ausgelutscht waren, in die Mitte zurück. Wie ich so vor mich hin döse, wache ich nächtens auf und bemerke eine Bullenhitze. Jemand musste über Nacht die Heizung angestellt haben, doch es gab keinen Regler zum Schließen der selbigen.

Um 6.00 Uhr in der Frühe stehen wir auf, Katzenwäsche – meist noch weniger als dieses – und flüchten aus diesem Paradies. Wenn ich nur daran zurück denke, wie heiß die Heizung war: Sabine bespritzte die Oberfläche mit kaltem Wasser – wir hätten auch ein Dampfbad daraus machen können – es verdampfte mit einem lauten Zischen!Uns fiel ein, dass man ja zumindest das fenster öffnen könnte. Ja, das ging – hochschieben und den auf dem Fensterbrett befindlichen Vierkantklotz unter den Fensterrahmen stellen…

Wir hatten kaum unsere Koffer im Wagen verstaut beschäftigte mich bereits die nächste Frage: Wo bekamen wir jetzt in aller Herrgottsfrühe ein Frühstück her? Doch keine Panik! Wir fanden gleich um die Ecke ein kleines, aber feines Restaurant. Es nannte sich „Firefighter Inn“, sicher ein Treffpunkt für die Feuerwehrleute in diesem Ort. Sehr nett!

Wir bestellten uns, natürlich, ein Kanadisches Frühstück. Es war das Beste bisher und entschädigte uns ein wenig für die fürchterlichste Nacht, die hinter uns lag. Die Bedienung – bleiben wir doch beim Englischen – die waitress, ist allein aber superschnell. Und trotz der Eile sehr freundlich. Gäste die später hinzu kamen, warteten geduldig bis sie einen Tisch zugewiesen bekamen. Das Schild „Please wait to be seated“ wurde in allen Restaurants die wir in Kanada besuchten, sehr ernst genommen!. Toll!

Nach dem Frühstück fuhren wir zurück nach BANFF (4500 Einw. Stand 1995). Man erreicht diese Stadt auf dem TCH, dem man durch das BOW RIVER VALLEY Tal Richtung Südosten folgt. Das im Sommer noch mehr überquellende Ferienstädtchen entstand bereits kurz nach dem Bau der Canadian-Pacific-Railway, als die Bahngesellschaft 1886 das BANFF SPRINGS HOTEL nahe den heißen Quellen errichtete. Damit war Banffs Ruf als nobler Kurort begründet, der Grundstein für ein schnelles Wachstum gelegt. An der Hauptstraße, der Banff Avenue, drängen sich Restaurants, Sportgeschäfte so wie die schon angesprochenen Souvenirläden. Die wenigen Sehenswürdigkeiten im Ort sind schnell besucht: Das NATURAL HISTORY MUSEUM, das in lebensgroßen Szenen das Leben der Indianer nachstellt, und das WHITE MUSEUM OF THE CANADIAN ROCKIES zur Geschichte der Berge. Rings um den Ort warten weitere Attraktionen: Das ehrwürdige Banff Springs Hotel nahe den Wasserfällen des Bow River, welches wir besichtigen und vor allen Dingen fotografieren wollen. Doch das parken kostet einen lächerlichen Scheiß Dollar, den Sabine nicht zu zahlen gedenkt. Ich hätte liebend gern auf diesen Dollar verzichtet. Manchmal stellt sich diese Frau wirklich pissig an!

Kurz hinter dem Hotel, Sabine hat schon gewendet, sehen wir eine Pension mit dem berühmten „VACANCY“ Schild. Es heißt ELKHORN LODGE. Ich bin dafür sofort zu reservieren, doch Sabine meint Tanken wäre jetzt wichtiger. An der Fuel Station versucht sie dem Tankwart zu erklären, dass sie ein Problem mit den Scheibenwischern hätte. Der Mann hinter der Kasse holt auch tatsächlich einen Mechaniker, der sich die Sache einmal ansieht. Ich gebe ihm den vorsichtigen Tipp einmal die Sicherungen zu kontrollieren.Da schlägt er die Hände über den Kopf zusammen und beginnt mit seiner Arbeit.

Mittlerweile habe ich mir die Bedienungsanleitung aus dem Handschuhfach geholt und mir wurde schlagartig die Reaktion des Mannes begreiflich: Der müsste tatsächlich 120 (!) Sicherungen kontrollieren!

Doch nach dem Durchmessen derselbigen kommt er zum Schluss, dass wohl der Wischermotor defekt sein muss… (The wipermotor is broken…) Es wäre wohl das Beste wir würden den Wagen bei der nächsten „Hertz“ Vertretung, die sich im Banff-Springs-Hotel befand, tauschen. Nachdem wir uns überaus für den Service bedankt hatten, kehrten wir also zum Hotel zurück.

Der Hertz Vertreter ist sehr nett, hört sich geduldig unsere Situation an und es dauert keine halbe Stunde, da haben wir einen neuen Wagen und einen neuen Vertrag – … to the same conditions…) wie er uns versichert. Und wir sparen sogar noch einige Steuern, weil diese in Alberta nicht anfallen. Weil wir ja so große Koffer hatten, bekamen wir einen blauen GM Oldsmobile mit 3,1l Hubraum, 190 PS sowie sechs Zylindern – eine tolle Schleuder!…

Nachdem wir den Wagen im Parkdeck des Banff-Springs-Hotel mit unseren sämtlichen Klamotten eingepackt haben – die Koffer passen trotzdem noch knapper in den Kofferraum – ging es endlich zurück zur „Elkhorn Lodge“. Es war wie ein Wunder – es war immer noch „Vacancy“. Bei dem Glück haben wir natürlich sofort gebucht. So etwas wie die letzte Nacht sollte nie wieder passieren.

Weiter ging es danach auf dem TCH entlang zu unserem ersten Ziel des Tages: dem MORAINE LAKE. Es geht vorbei an wundervoll vergletscherten Bergstöcken in einer sagenhaften Umgebung. Wir konnten uns einfach nicht satt sehen an dieser überwältigenden Schönheit, die uns ringsum förmlich erschlug. Und um jedenfalls ein wenig vorwärts zu kommen, fotografierte ich durch die Windschutzscheibe hindurch. (Was für ein Frevel)…

Die Moraine Lake Road führte uns direkt zur Moraine Lake Lodge, dem Tourist Info Point am See. Ich fotografierte noch einige Hinweisschilder damit ich mich zu Hause in der Bilderflut auch wieder zurecht fand, bevor wir uns auf den Weg zum See machten.

Mir stockte der Atem und alles, was ich über diesen See gehört oder gelesen hatte, wurde übertroffen! Türkis schimmernd lag er umrahmt von zehn Dreitausendern in aller Stille vor mir. Der Schöpfer musste sich hier regelrecht ausgetobt oder einfach nur eine wundervolle Laune gehabt haben. Ich fotografierte wieder, was die Kamera hergab. Und um einen besseren Überblick über die ganze Szenerie zu bekommen, schlug ich mich über einen Berg von angelandeten Baumstämmen durch und kraxelte über unwegsames Berggelände. Oben angekommen, rang ich erst einmal nach Luft. Doch kaum kam ich wieder zur Atmung, stockte sie auch schon wieder; zunächst wegen der sprichwörtlichen atemberaubenden Aussicht, die man mit keiner Kamera der Welt hätte einfangen können, und zum anderen – es gab hier auch einen gemütlicheren Weg nach oben (!) Das kommt davon, wenn man wie ein wilder Stier durch die Landschaft tobt!

Ich stieg, nachdem ich alles was mein Herz begehrte, fotografiert hatte, diesen Weg hinab und traf mich am Ende mit Sabine wieder.

In Lake Louise, das am Ende einer kurzen Straße hoch über dem BOW RIVER VALLEY liegt, fotografiere ich den 2 Kilometer langen Bergsee, der zu Füßen des MOUNT VICTORIA (3464m) liegt und eines der beliebtesten Fotomotive in den Rockies ist. Im Vordergrund das milchig grüne Wasser, dahinter der Victoria-Gletscher der mächtig aussieht und steile Felswände. Direkt am Ufer des Sees, es gibt hier auch eine Kanuvermietung, erhebt sich das von Gartenanlagen umgebene renommierte Hotel CHATEAU LAKE LOUISE, Wanderwege führen am Nordufer des Sees entlang zu Aussichtspunkten in den Bergen. Im Hotel sieht es nicht minder gewaltiger aus: Viele kleine, aber sehr exklusive Läden bieten hier ihre nicht weniger exklusiven Waren an. Das witzigste Erlebnis war hier: In einem kanadischen Hotel spielt ein Österreicher auf einer Zither einen norddeutschen Shantie! Natürlich konnte man auch Music-Kassetten von ihm erwerben und unsere japanischen Freunde sprachen dem auch reichlich zu!

Draußen vor dem Chateau mache ich mich über die kleinen Streifenhörnchen, den Chipmunks, fototechnisch her die unablässig zwischen den großen Steinen am Ufer umher liefen. Einfach zu niedlich diese Gesellen.

Unser weiterer Weg führt uns auf dem ICEFIELD PARKWAY zum BOW LAKE. Auf dem Weg dort hin scheinen sich die smaragdgrünen Seen, schäumende Wasserfälle, gewaltige Hängegletscher und charakteristische Bergsilhouetten gegenseitig an Schönheit übertreffen zu wollen. Hinter jeder der seltenen Kurven, jedem Pass, eröffnete sich ein neuer Anblick auf grandiose Gebirgslandschaften. Dann taucht er links vom Fahrersitz auf: die Straße gleitet etwa für zwei Kilometer dicht an seinem Ufer entlang. Der Bow Lake; der vom Gletscher gleichen Namens gespeist wird und seinerseits den Bow River aus sich entlässt. Man sieht den Gletscher in blau-weißer Pracht oberhalb des Sees in den Bergen hängen. Er gehört zum riesigen Wapta-Eisfeld, das im nördlichen WAPUTIK GEBIRGE den steilen Nacken der Rockies deckt und seine Schmelzwasser sowohl nach Westen zum Pazifischen Ozean als auch nach Osten zum Altlantischen Ozean entsendet.

Für ein stilles Örtchen ist überall Platz…

Die Straße setzt, wenn man das Seeufer verlassen hat, zu einer letzten Steigung an. Geschafft, endlich! Der BOW PASS ist oben am Pass auf 2070m angestiegen und senkt sich nun wieder. Der Automotor arbeitet mühelos. Nach einer weit geschwungenen S-Kurve nähert sich die Straße dem Ostzipfel eines neuen Sees, der sicherlich einen der schönsten in der Abfolge von juwelenhaft vollkommenen Seen darstellt, die an dieser in ganz Kanada oder sogar Nordamerika, ja der ganzen Welt unübertroffenen Straße, dem ICEFIELD PARKWAY, dem Reisenden immer neue Seufzer der Ausdrucke des Entzückens entlockt: PEYTO LAKE!

Hier haben wir dem Auto für eine Stunde Ruhe gegönnt und uns dem Fußweg anvertraut, der zu einem Aussichtspunkt über den See führt. Tief eingebettet ruht er zwischen den Wäldern des hier wieder breiter gewordenen Tals. Sein Wasser schimmert wie alle See türkisfarben und übertrifft an Leuchtkraft – von innen heraus sozusagen – jeden Edelstein. Waghalsige mögen über einen sehr steilen Weg der immerhin 250m Höhenunterschied überwindet, bis zum Seeufer hinunter klettern, durch einen dicht verwachsenen subalpinen Wald.

Von einem Aussichtspunkt her gesehen, etwa zweieinhalb Kilometer auf der Straße weiter jenseits der Passhöhe, scheint der See wie ein Balkon über dem Tal des MISTAYA FLUSSES zu hängen, der aus dem Peyto Lake nordwestwärts über grobe Felsen glasig klar und silbern schäumend bergab springt.

Blöd, wenn man zur falschen Zeit kommt…

Der See erhielt seinen ungewöhnlichen Namen nach einem Waldläufer namens Bill Peyto, der um die letzte Jahrhundertwende, als diese Berge und Täler noch einsame Wildnis waren und jeden, der sie kennen lern wollte, viel Mut und Mühe abverlangten, als der Einzige galt, der sie Gewässer, Gebirge, und Gletscher dieser grandiosen Gegend gründlich kannte und deshalb Fremde führen konnte.

Bill Peyto erlangte mit der Zeit einen weithin geltenden Ruf, und als man im schnell aufstrebenden und Berühmtheit gewinnendem Banff einen Parkaufseher und Bewahrer suchte, da die Zahl der Besucher, darunter manch ein Unkluger und Vorwitziger, schnell zunahm, konnte man keinen besseren dazu ernennen als den wildnis- und bergerfahrenen Peyto. Um sein Andenken zu bewahren, erhielt der schönste der vielen Seen an der Straße nach Jasper seinen Namen.

Oben am Ziel angekommen musste ich auch gleich einen Koreaner mit dem See im Hintergrund fotografieren – anderen Besuchern fiel das Gleiche ein, so kam ich gar nicht dazu selbst Bilder zu machen. Viele Deutsche sind hier oben und wir hatten wohl alle eines gemeinsam: Wir konnten uns einfach nicht von diesem Anblick los reißen.

Doch es wird zunehmend dunkler und wir müssen gezwungenermaßen langsam an den Abstieg denken. Zumal wir im Moment nicht von einem Ehepaar los kamen, welches wir schon beim Aufstieg kennen lernten. Die Unterhaltung wurde nun fortgesetzt. Ich hatte andere Probleme: Mich nerven die vielen Mücken! Doch alles hat einmal ein Ende, und wir treten von Hunger getrieben den Heimweg zurück in die Elkhorn Lodge nach Banff an.

Wir entschließen uns in das gleiche Lokal wie gestern zu gehen. Und dort angekommen bestelle ich mir natürlich gleich Two orders of Chicken wings, diesmal mit einem Glas Bier, die wings diesmal allerdings nicht so scharf wie gestern.

Nach einiger Zeit, so ungefähr bis ein Glas Bier alle ist, entscheide ich mich für ein weiteres – hätte ich besser nicht tun sollen. Doch mir gingen an diesem Abend, sogar in dieser Spelunke, oder gerade derswegen, die unausstehlichen „Ruhrpott Yankees“ auf die Nerven. Und wenn diese dann auch noch mit unseren ostdeutschen Kollegen zusammen treffen, kann man getrost das Lokal verlassen. Jedweder Appetit oder Durst ist dann wie weggeblasen. Etwas Schrecklicheres ist uns in ganz B.C. Nicht passiert.

Wir versuchen also diese Anhäufung von Peinlichkeiten zu ignorieren indem wir einen ganzen Schwung Postkarten schreiben. Aber dennoch: Einige Stunden später zieht es uns doch in unsere Unterkunft.

Wir fallen in verflucht weiche Betten und in einen tiefen traumlosen Schlaf.

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