Canada 1995.5

20.09.1995 6.24 Uhr Golden

Wir haben doch tatsächlich Frost hier oben! Minus 3 Grad Celsius und keinen Eiskratzer. Da musste eben mal die Scheckkarte herhalten! Das ging auch ganz gut. Mit dem Frühstück hatten wir zum ersten Mal Probleme. Natürlich sind wir wieder bei A&W eingekehrt: Das Restaurant stand auf der anderen Seite des TCH und der Parkplatz war belagert von vielen riesigen Trucks, die langsam zum Leben erwachten.

Sabine bestellt wieder zwei Kanadische Frühstück, wie am Tag zuvor in Kelowna. Doch als wir statt des erhofften „Nationalgerichts“ zwei Hamburger mit Kartoffelröstis bekommen, zieht sie eine Schnute. Nach einigem Hin und Her erfahren wir, dass sie falsch bestellt hat. Die Fastfoodkette hatte kurzfristig das Angebot umgestellt. Die waitress fackelte aber nicht lange und tauschte alles um. Kurz darauf bekamen wir dann unser erwünschtes „Holzfällerfrühstück“. Nachdem mein Kakao und Sabines Kaffee leer sind, gehe ich los um Nachschub zu holen. Als ich den bezahlen will verneint unsere waitress und erklärt uns, dass das Nachschenken (Refill) kostenlos ist. Man bekommt tatsächlich so lange nachgeschenkt bis es aus den Ohren wieder raus kommt. Und das alles für einen Can$. Bei uns in Germany völlig undenkbar. Nach dem Frühstück gebe ich der waitress 2 Can$ Trinkgeld, worüber sie sich sichtlich freut, denn es ist ganz und gar unüblich in einem Schnellimbiss Trinkgeld zu geben. Wieder auf dem Motelzimmer, versuche ich Sabines Mutter anzurufen. Beim ersten Mal ein totales Tohowabohu. Dauernd schaltet sich der Oparator ein, weil ich irgendetwas falsch mache! Doch beim xten Versuch tippe ich die richige Nummer ein und die Verbindung ist so gut, als würde ich mal eben um die Ecke telefonieren. Phantastisch!

Es ist 9.30 Uhr. Golden, das wie Revelstoke als Eisenbahncamp gegründet wurde, liegt umrahmt von Bergen am Oberlauf des Columbia River. Der Strom fließt hier von Süd nach Nord durch den Rocky Mountain Trench, einem großen Grabenbruch zwischen den Columbia Mountains im Westen und den Rocky Mountains im Osten.

Wir fahren hinaus in die noch kalte Morgensonne. Die Luft ist klar und sauber, nur einige Nebelwolken über den Bergen trüben noch die Sicht. Insgesamt sind wir heute nur 200 Kilometer gefahren, die sich aber mehr als gelohnt haben. Hinter jeder der doch recht seltenen Kurven beeindrucken die Berge von Neuem. Wir hätten alle 5 Minuten anhalten können um zu fotografieren. Nur wenige Kilometer stromabwärts von Golden beginnt der vom MICA DAM aufgestaute, 200km lange KINBASKET LAKE, in dem der Fluss das Hindernis der Columbia Mountains in weitem Bogen umgeht. Die Eisenbahn spielt bis heute eine wichtige Rolle im Wirtschaftsleben der Stadt, ebenso die Holzindustrie – die kahlen Hänge links und rechts des Columbia River zeigen es deutlich. Golden ist aber auch ein beliebter Ausgangspunkt für Angler und Wanderer, die sich für ihre Touren in die umliegenden Bergregionen ausrüsten.

Wir fahren nun weiter auf dem TCH, der jetzt dem schmalen, charakteristischen V-Tal des „KICKING HORSE RIVER folgt, zwischen steilen Sandstein- und Schieferhängen hinauf in die Rocky Mountains. Nach 25km erreichen wir den vom Massentourismus kaum berührten YOHO NP. Hier war dann auch unser erster sehr interessanter Halt im Einzugsgebiet der Rockies. Der 1313m² große, 1886 gegründete Park birgt eine grandiose Hochgebirgslandschaft. Der Name „YOHO“ stammt aus der Sprache der Cree-Indianer und drückt Bewunderung aus, etwa „OH!“ im Deutschen.

Tatsächlich ist die Natur hier teilweise noch bizarrer und spektakulärer als in den anderen Nationalparks der Rocky Mountains: die Täler enger, die Wasserfälle höher, die Flüsse reißender. Ein ausgedehntes Netz von Wanderwegen erschließt die aparten Schönheiten. Unter Wissenschaftlern ist der Park für seine weltweit einmaligen Funde von Fossilien im BURGESS SHALE berühmt: über 100 verschiedene Meerestiere, die hier vor 530 Mio Jahren im Schlamm eines urzeitlichen Meeres lebten.

Unser erster Weg führt uns an diesem kalten Morgen zu den Wapta Falls.

Aber bis wir die erreichen, müssen wir noch 2,4 km zu Fuß gehen und Sabine wünsche sich einmal mehr warme Handschuhe – zu Anfang jedenfalls.

Hier gab es Eichhörnchen und wir gaben uns von nun an jedes Mal einen Punkt, wer dann eines gesichtet hatte. Schon nach kurzer Zeit stand es 3:1 für Sabine. Das wir aber später noch sehr viel mehr sehen sollten, dass man sie kaum zählen konnte – das wussten wir an diesem Tag noch nicht. Am Ziel unseres Weges wurden wir mit einem kleinen, doch sehr fotogenen Wasserfall belohnt. Allein, was den Hintergrund anging. (Leider gab es nur abgesperrte Aussichtspunkte, was für ein wirklich gutes Foto nicht gerade förderlich war). Doch was scherten mich Absperrungen! Als wir uns satt gesehen haben, müssen wir erst einmal wieder 2,4 Kilometer zurück legen, um zu unserem Auto zurück zu gelangen.

Bei FIELD – der einzigen Ortschaft im Park -, zweigt eine rund 10km lange Seitenstraße ab, auf der man zunächst zu einer natürlichen Felsenbrücke kommt – (Auch hier musste ich natürlich direkt auf diese Steinbrücke, während andere sie nur aus der Ferne sahen) unter der der Kicking Horse River hindurch tost.

Von dort aus fahren wir weiter in Richtung Provinz ALBERTA. Und es ging nahtlos weiter: wir wurden von wundervoller Landschaft um uns herum erschlagen. Bald erreichten wir das Besucherzentrum in dieser Provinz. Neugierig schauen wir uns in diesem Gebäude um; was wohl der nächste Abschnitt unserer Reise bringen würde? Leider gab es dabei auch schon viele Sachen, die wir einfach versäumt hatten. 😦 Vorbei gefahren, nicht gewusst…

Und so bitte ich Sabine, zumindest bis zum EMERALD LAKE zurück zu fahren. Dieser hatte mich in der Touris Info sehr eingenommen; auf den Dias sah das einfach toll aus und ich fand es lohnend, ihn auch in Natura gesehen zu haben, bevor es weiter ging.

Und es hat sich gelohnt! Türkis schimmernd lag er wie ein Juwel am Ende der Straße, eingefasst von Berggipfeln und Gletschern. Ein erhabener Anblick! Auf dem zweistündigen Rundwanderweg um den See genossen wir das majestätische Panorama in aller Stille.

Welcome to Alberta! Hier überqueren wir eine Zeitzone und müssen die Uhr eine Stunde zurück stellen!!
Jahre später sollte ich hier noch viel schönere Bilder machen, aber das wusste ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht…

Etwas nördlich von Field zweigt vom TCH eine weitere Seitenstraße ab, die in engen Haarnadelkurven die steilen Wände des YOHO VALLEY hinauf steigt. Tief in diesem Tal versteckt tosen die 384m hohen TAKAKAW FALLS, die wir leider nicht gesehen haben, von den Felsen herab. Im Yoho Valley beginnen ausgezeichnete Wanderwege zu den Bergseen und und Gletschern im Hinterland.

Kaum waren wir zurück auf dem Highway sah man links eine gut ausgebaute Parkbucht; ein sicheres Zeichen für eine weitere Attraktion: Von einer Aussichtsplattform bietet sich ein schöner Blick auf die schroffe Steilwand des MOUNT STEPHEN (3199m) und auf die Gleise der Canadian -Pazifik-Railroad. Hier können wir (wenn man es nicht weiß, Pech) ein ansonsten recht häufiges Schauspiel verfolgen und fotografieren: Einen Güterzug mit mindestens 111 Anhängern (!). Was hier eigentlich abläuft wurde uns erst bewusst, als eine junge Frau deutscher Herkunft mit wortgewaltigen Ausdrücken erklärte, wie das mit den SPIRALTUNNELN funktionierte.. Spiraltunnel – da hatte ich zum ersten Mal etwas in Revelstoke im Museum gelesen.

Also, das geht so:

Auf einer Trasse über uns hören wir einen Zug schon tuten. Er wird in den nächsten Augenblicken in unser Blickfeld kommen. Da in diesem Teilstück sehr große Höhenunterschiede zu bewältigen sind, baute man die dazu nötigen Spiraltunnel.

Das sind so eine Art Serpentinen für Eisenbahnen…

Sie waren unumgänglich, um in die andere Richtung den Aufstieg zum Kicking Horse zu ermöglichen. Immerhin hat der Pass eine Höhe von 1647 Metern.

Dieser Zug wurde von drei (!) Lokomotiven gezogen. Zwei vorn und die dritte in der Mitte. Das Ding war so lang, dass es an drei Stellen der Serpentinenstrecke gleichzeitig zu sehen war.

Gigantisch!

Parallel zu den Schienen überquert der TCH den Grat der Rocky Mountains und erreicht den BANFF NP in der Provinz Alberta. ICH entschied, dass wir da zuerst hin fuhren. Hätten wir das nur nicht getan! Banff quoll über vor Asiaten, in der Häufigkeit Japaner! Nicht nur als Besucher – weit gefehlt. Viel schlimmer! Sämtliche Andenken und Souvenirläden wurden ausnahmslos von Asiaten geführt. Es war wie ein schrecklicher Alptraum – weit schlimmer als Oberammergau! Denn- es gab, wie dorten auch, eine Christmas World für’s ganze Jahr. Der Kitsch übertrifft in der Stadt Banff aber einfach alles! Ich will nach den ersten vier Läden nur noch weg! Und Sabine sucht in der Tourist Information nach einer Bleibe für die Nacht…

Diesmal kamen wir in die verteufelte Lage, dass in der „näheren Umgebung“ alles ausgebucht war. Was nun?

Der freundliche Mensch im Info Center schickte uns zunächst nach CANMORE, 25km von Banff entfernt. Es könnte ja sein, dass dort mit etwas Glück noch ein Zimmer frei wäre. Doch wie dem auch sei: Zuvor brauchten wir etwas zwischen die Zähne.

Ich kam um vor Hunger! Hier gab es dann zum dritten Mal Chicken wings, und weil ich nicht wusste, wie groß die Portionen sein würden, gleich two orders of…

War auch kein Fehler, doch die Portionen waren riesig. 18 Wings für 13 Can$. Sabine hatte sich in ein noch heißeres Nest gesetzt: Sie hatte sich für etwas Thailändisches entschieden: Megascharf! Die Arme! Sie hat sich fürchterlich das Maul verbrannt! Nichts für ungut, aber meine Wings waren auch nicht von schlechten Eltern. Aber lieber HOT als mit Blauschimmelkäse, ehrlich!

Nach dem Essen begann eine kleine Odyssee nach und durch Canmore. Wir irrten lange durch die völlig fremde und abgeschiedene Stadt, und fanden trotz intensiver Suche – nichts! Nur langsam musste etwas geschehen: Entweder weiter fahren oder das Zimmer nehmen, welches wir bei einem fragwürdigen Motel entdeckt hatten.

Sabine überlegte nicht lange und fuhr auf den nächstbesten Parkplatz. Wir hatten uns entschlossen, das Zimmer wenigstens anzusehen.

Wir traten ein in eine Art Kneipe und ich fühlte mich um Jahrzehnte zurück versetzt. James Dean ließ grüßen! Da saßen Männer und Frauen sich an kleinen Tischen gegenüber und waren mit irgendetwas beschäftigt. Alles war in schreiendem Rot und düsteren Schwarz eingerichtet. Zu bestimmten Zeiten wurden hier wohl Rock’n’Roll Tanzwettbewerbe abgehalten, denn viele Fotos an den Wänden schlossen darauf.

Etwas unsicher gingen wir also zu dem Wirt, oder was auch immer dieser Mensch darstellte zu, und fragten nach einem Zimmer. Ja, er hatte noch eines. Doch Sabine wollte es zunächst einmal sehen. Was für eine Frage! Als ob wir das jetzt noch ändern könnten. In der Lage in der wir uns befanden, war keine Wahlmöglichkeit vorhanden.

Aber gut, wir und der Wirt willigten ein und begaben uns über eine immens quietschende und knarrenden Treppe nach oben. Ich hatte das Gefühl, das seit dem Goldrausch im Klondike hier nichts mehr getan worden ist. Es ging vorbei an einem Bathroom (!) den man vor Dreck und Enge leider nicht betreten konnte; an Toiletten, denen man von außen ansah, dass man sie lieber nicht benutzen sollte und vorbei an Zimmern, die mit allen möglichen Geräuschen, meist sehr laut, angereichert waren. Ich schloss also unser nächtliches Paradies auf: Es war ein Alptraum, aber einigermaßen sauber. Dennoch: Wir kamen uns vor wie in einem schlechten Western! Sabine wollte am liebsten flüchten, wusste aber nicht wohin. Und so gab es nur eine Alternative: Draußen im Auto übernachten – bei Frost und ohne Decke!

Also nahmen wir zähneknirschend das Kämmerchen, was sollte man auch für 38Can$ mehr verlangen, und versuchten uns einigermaßen einzurichten. Doch an Schlafen war überhaupt nicht zu denken. Die anwesenden Gäste knallten die ganze Nacht erbarmungslos mit den Türen, Musik aus der unter uns befindlichen Bar dröhnte nach oben und damit das Glück auch vollkommen war, auch noch Musik aus einigen Gettoblastern aus verschiedenen Zimmern zu uns hinein. Es war wirklich eine seltsame Horrornacht!

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