CANADA 1995.2

17.09.1995 Flughafen Hamburg Fuhlsbüttel /Flughafen Frankfurt / Flughafen Vancouver

Vancouver Travellodge Hotel

Wir sind kurz vor dem Einchecken. Ich lasse noch einmal alles an mir vorüberziehen, was wir bisher hinter uns gelassen haben. So schnell verging die Zeit: Das Buchen des Mietwagens in einem Eckernförder Reisebüro, unser Motel für die erste Nacht. Der Abend zuvor, wo Sabine die Koffer mit der ihr eigenen Sorgfalt packte. Und zuletzt die Fahrt mit Wiebke, Sabines Schwester und deren Mann Hans-Jürgen, die uns zum Flughafen nach Hamburg brachten. Alles war jetzt neu und ungewohnt. Ich war noch niemals auf einem Flughafen, Sabine auch nicht. Was sollten wir denn nun zuerst tun? Doch Hans-Jürgen, der Vielflieger, stand uns mit Rat und tat zur Seite, alles ging reibungslos über die Bühne.

Nachdem wir die Koffer aufgegeben und eingecheckt hatten gingen wir zusammen noch ein wenig in den Gängen und Hallen umher und ich ärgerte mich daß man, wenn man den Flugbetrieb beobachten wollte, immer in ein Gaststättenrefugium treten, und somit bezahlen musste. Die zeit rauschte nur so dahin und wir waren, nachdem wir uns von Wiebke und Hans-Jürgen verabschiedet hatten und nach einigen Kontrollen, die ich mir eigentlich schärfer vorgestellt hatte, im Inland-Terminal auf uns allein gestellt.

Ich hatte wieder zu meiner Rhe zurück gefunden, während Sabine nichts anderes zu tun hatte, als sich etwas Essbares zwischen die Lippen zu schieben. Vielleicht dachte sie aber auch; Futter beruhigt…

Da saßen wir nun und warteten auf unseren Flug nach Frankfurt. Wir sollten zum ersten Mal fliegen. Freute ich mich darauf? Vielleicht mit gemischten Gefühlen. Jedenfalls konnte ich mich noch darauf einstimmen – der Flug hatte 20 Minuten Verspätung. Uns war das egal. Wenn ich mal nicht über diesen ersten Flug nachdachte hatte ich zumindest genügend zeit mir aus den großen Fenstern den Flughafenbetrieb anzusehen.

Dann rollte unser Airbus zur Gangway und er wirkte auf mich enttäuschend klein!

Durch die für uns zutreffende Durchsage wurde ich aus meinen Gedanken gerissen und wir begaben uns mit unseren Bordkarten in der Hand auf den Weg zum Flugzeug. Und drinnen in der Röhre wurden meine Befürchtungen Wirklichkeit: Es war furchtbar eng! Später sollte sich dann feststellen, dass der kleine Airbus mehr Platz bereit stellte, als der riesige Jumbo! Sabine und ich verstauten unser Handgepäck in den oberen Staufächern und schnallten uns sogleich an, obwohl bis zum Start noch einige Zeit vergehen sollte…

Dann endlich war es soweit: Langsam rollte der Airbus zur Startbahn, dann stand er einige Zeit still – bis die Freigabe zum Start erfolgte. Es gab einen Höllenlärm als wir vom Boden abhoben und ich hoffte inständig, es würde nicht so bleiben.

Sabine war war jetzt völlig aufgeregt… Sie drückte meine Hand ganz fest und sagte immer nur:

„Wir fliegen! Zum ersten mal fliegen wir!“

Was sollten wir auch sonst tun, ich empfand das Ganze nun nicht so spektakulär wie ich es mir ausgemalt hatte.

Kaum 45 Minuten später landeten wir schon in Frankfurt. Hier kam zum zweiten Mal leichter Stress auf. So viele Menschen wuselten hier herum. So viele Nationalitäten, Hautfarben.Wohl gefühlt habe ich mich bei so etwas noch nie. Wir checkten uns erneut ein und schleusten uns an den vielen Menschentrauben vorbei in freiere Gefilde, wo man einigermaßen gut atmen konnte. Hier ging dann auch die Abfertigung zügiger voran.

Wieder befanden wir uns nach den Kontrollen und Durchleuchtungen im Inland Terminal und ich nutzte die Zeit einige Fotos vom Flugbetrieb zu schießen.

Unter anderem fotografierte ich auch „unsere“ B 747, die gerade beladen wurde und in Sichtweite stand. Sabines Interesse galt währenddessen einem Porsche, der ebenfalls in unserem Flugzeug verstaut werden sollte, und interessiert verfolgte sie die „Prozedur“ der Verladung.

Mittlerweile hatte sich der Warteraum mit einer Menge von Menschen angefüllt. Irgendwann wurde unser Flug aufgerufen, wir folgten erst einmal den anderen Fluggästen zur Gangway und bei unserer Sitzreihe angekommen, mussten wir feststellen, dass es noch enger war, als befürchtet. Ich konnte mich kaum mit dem Gedanken abfinden, jetzt noch 9 Stunden hier gefangen zu sein. Nach einer kleinen Ewigkeit rollten wir endlich zur Startbahn. 14.15 Uhr sollten wir eigentlich starten, doch jetzt mussten wir noch auf 5 (!) weitere Kunden vor uns warten. Langweilig war es nicht, ist es doch immer wieder interessant, wenn so ein schwerer Vogel abhebt und in den Wolken verschwindet.

So kamen wir erst gegen 15.00 Uhr in den Himmel.

Gleich zu Anfang erklärten uns die Stewardessen zu einer unsichtbaren Stimme die Sicherheitsvorkehrungen. Ich konnte es mir nicht verkneifen, die beiden frauen da vor uns mit den Assistentinnen von Goudaquassler Harry Whinfoort zu vergleichen. Das Ganze hatte eine Anmutung von „Der Preis ist heiß“. Ich hatte echt das Gefühl, die wollten uns den hauptgewinn, die Schwimmwesten, anpreisen.

Übrigens bemerkte ich bei diesem Start eine wesentlich angenehmere Verteilung der Schubkraft, als beim Airbus. Muss wohl an der Größe des Vogels liegen.

Langsam wurde mir die ganze Tragweite der engen Platzverhältnisse klar. Meine Beine hatten kaum Platz in den Sitzreihen, ein Ausstrecken war gänzlich unmöglich. Und je länger der Flug dauerte, desto weniger konnte ich entspannt sitzen. Das im Bordkino Filme zu sehen waren, die bei uns noch nicht einmal im Kino liefen, trug auch nicht dazu bei meine Laune zu verbessern. Zumal ich (!) einen defekten (!) Kopfhörer abbekommen hatte.

Es blieb mir nichts anderes möglich, als mich in mein Schicksal zu fügen und so schaute ich stundenlang nur aus dem kleinen Bullauge und versuchte während des ganzen Fluges einige Luftaufnahmen zu machen. Immerhin waren wir fast 10.000 Meter hoch (!) Leider verhüllten die meiste Zeit Wolken die Aussicht auf das, was ich gern gesehen hätte. Nichtsdestotrotz, diese Wolkenformationen hatten auch irgendwie ihren Reiz. Manchmal hatte ich den Wunsch, einfach aussteigen zu wollen, um es mir dann in diesen nach Watte aussehenden Gebilden gemütlich zu machen.

Hier oben war es wirklich so schön, es schien andauernd die Sonne. Als wir über Grönland flogen, gelangen mir zwei lächerliche Bilder, ansonsten lag die Insel wie auch die riesige Hudson Bay und auch das Nordwest-Territorium unter einer dichten Wolkendecke. Hin und wieder riss aber doch mal die Watteschicht auf und gab dann die Blicke preis auf ein unwirtliches Gelände. Von hier oben sah es so aus, als könnten dort weder Mensch noch Tier leben: Eine braun weiß gefleckte Mondlandschaft. Dann wiederum sah man ganze Gebirgszüge aus dem Schnee heraus schauen, die dann im nächsten Moment in noch größere Wolkenfelder verschwand.

Aber dann: rechtzeitig über den Rocky Mountains riss die Wolkendecke auf und präsentierte uns eine einmalige Gebirgslandschaft. Ich kam aus dem Staunen nicht mehr heraus. Vor mir bis zum Horizont nur Berge! Ich fotografierte wie ein besessener. Es war ein tolles Erlebnis. Überall lagen die vielen Bergseen wie kleine Smaragde in den gewaltigen Bergzügen. Von hier oben konnte man aber auch etwas anderes überdeutlich sehen: Die Wälder sahen an vielen Stellen aus wie riesige Flickenteppiche. Überall war Kahlschlag zu erkennen. Wie schrecklich musste es erst da unten in Natura, Live und in Farbe aussehen? Doch auch Flächen die neu aufgeforstet waren konnte man erkennen. Ich fotografierte, was mir vor die Linse kam und ich freute mich wahnsinnig auf die Landung. Ich konnte einfach nicht mehr sitzen und war dementsprechend ziemlich gereizt.

Um 16.00 Uhr Ortszeit landeten wir in Vancouver. In Loose war es jetzt 1.00 Uhr nachts. Die Zeitverschiebung bringt es mit sich. Ist aber auch komisch wenn man so einen langen Weg hinter sich hat. Es wird spät und später und es wird einfach nicht dunkel.

Zum Auschecken mussten wir zunächst einen sehr langen gang gehen, man konnte in mehreren verschiedenen Sprachen, auch in Deutsch, vernehmen, wo wir unsere Koffer abholen konnten. Doch noch war es nicht soweit. Zunächst standen wir in einer sehr langen Schlange vor den Einreisebeamten, die immer alles genau wissen wollten. Schließlich hat hier alles seine Ordnung in British-Columbia. Ich machte mir darum weiter keine Gedanken. Sabine erinnerte sich daran, was udo uns erzählte; von wegen einzeln vortreten, natürlich erst nach Aufforderung usw. usw. Während Sabine also mit solchen Gedanken beschäftigt war, schaute ich mir den Betrieb vor den Schaltern an: Wer allein war, stellte sich auch allein an; war man zu zweit, trat man auch zu zweit vor den Emigration-Officer. So taten wir es dann auch, gaben brav unsere Reisepässe ab und Sabine erklärte dem Officer warum wir hier waren, wie lange und wann wir wieder abfliegen würden. Dieser lächelte nur kurz und schon waren wir durch. Wozu also die ganze Aufregung? Ziemlich erleichtert gingen wir zu unserem Laufband und holten unsere Koffer ab. Anschließend suchten wir den Ausgang.

So, da standen wir nun am EXIT und wussten zunächst nicht mehr weiter. Wo sollte der Shuttlebus halten der uns zum Hotel brachte? Auf einem Mal stürzten über uns Fragen über Fragen ein, aber keine Antworten. Ich hielt es daher erst einmal für richtig die ganze Sache zu beobachten. Es kamen zwar jede Menge Kleinbusse verschiedener Hotels und Motels vorbei, doch keiner trug die Aufschrift „TRAVELLODGE“. Sabine wurde langsam ungeduldig und reagierte leicht panisch. So fragte ich eine eben angekommene Busfahrerin nach dem Eintreffen des vorgenannten Busses. Sie war ziemlich kurz angebunden und so viel ich mitbekommen hatte, sollte ich hier ruhig warten, der Bus würde schon noch kommen. Man muss sich das mal vorstellen: Wir kamen in ein Land, wo nicht unsere Muttersprache gesprochen wurde und zum ersten mal mobilisiert man seine noch vorhandenen Englischkenntnisse (Jetzt endlich wusste ich, warum ich im Englisch doch besser hätte aufpassen sollen. Doch dies sollte sich später noch völlig ändern.

Eine halbe Stunde war vergangen, und endlich tauchte unser Bus auf. Naja, Bus war wohl etwas übertrieben. Doch wir freuten uns, dass er da war und uns zu unserem Nachtquartier brachte. Ja, aber was kam dann?

An der Rezeption händigte man uns keine Schlüssel für das Zimmer aus, sondern eine Art Scheckkarte. Das war neu für uns. Und so hatten wir auch anfangs einige Probleme damit. Aber auch diese wurden gelöst und wir standen in einem relativ großzügigem Raum. Riesige Betten beherrschten den größten Teil. Ansonsten sah es eben wie in einem Hotelzimmer aus. Nach einer kurzen Inspektion zogen wir es vor, erst einmal zu duschen, damit unsere Lebensgeister wieder zurückkehren konnten. Anschließend zogen wir los, um unsere nähere Umgebung zu erkunden. Was mich nur ein wenig nervte, war der Umstand, keine Stadt- oder Straßenkarte von Vancouver dabei zu haben. Wir wussten überhaupt nicht wo wir uns befanden.

Wir gingen einige Haupt- und Nebenstraßen entlang und staunten über die vielen teilweise großzügig aber immer im selben Stil gebauten Wohnhäuser. Sie wurden zum größten Teil von Asiaten benutzt. Was das bedeutete, sollte ich später fast schon schmerzlich erfahren. Vor den Häusern, von denen ich nicht wusste, wie sie gebaut wurden, standen dann auch die Objekte meiner „Begierde“. Autos! Riesige Karossen, die zum Teil bei uns niemals durch den TÜV kommen würden. Aber hier ticken die Uhren anders und auch das Autofahren hat hier eine völlig andere Bedeutung: Hauptsache das Ding LÄUFT! Später sollte Sabine und mich der Anblick der vielen Buicks und anderen Straßenkreuzern nicht mehr aus der Fassung bringen. Es war einfach schon normal geworden.

Nach dem Spaziergang, bei dem wir uns mit einigen Kleinigkeiten versorgten, unter anderem mit Kokoskeksen – absolut cholesterinfrei und einen kleinen Kanister Kakao mit 2% Fett. Tja, hier ist alles ein wenig anders; zogen wir es dann doch vor ins Bett zu verschwinden. Müde schloss ich meine Augen, um genau um 2.00 Uhr schon wieder aufzuwachen. Ich war einfach zu aufgeregt wegen des zurückliegenden Fluges. Und auf das was uns morgen wohl erwartete – wenn wir unser Auto abholen.

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