Canada 1995

Um das erste Mal in meinem Leben zu fliegen musste ich 35 Jahre alt werden…

Bis dato dachte ich noch daran, in der Heimat ist es doch am schönsten… oder warum in die Ferne schweifen, wenn das Gute liegt so nah… Scheiße was, danach war nichts mehr so wie es war…

Vorwort

Das zweitgrößte Land der Erde macht weniger politische Schlagzeilen als manche Bananenrepublik. In erstaunlicher Harmonie leben Inuit, Indianer und Nachkommen europäischer und asiatischer Einwanderer miteinander.

Dieses war meine Sichtweise im Jahre 1995. Doch so rosig sah das alles nicht aus. Ich sollte mir noch viele Gedanken machen zu einem Land, welches erst jetzt, kurz nach dem 150 Geburtstag, ja so jung ist das Land noch, so richtig zu einer Einheit zu finden sucht…

Die Bilder zu dieser Reise, die drei Wochen dauerte, sind analog entstanden, ja auch bearbeitet, natürlich, und es war in einer Zeit, wo ich mir noch lange nicht sicher war, ob die Bilder auch heil wieder in Deutschland ankamen. Den Filmen wurden Röntgenstrahlen ausgesetzt, heftige Temperaturunterschiede und und und… Bei einer Reise ist es dann auch passiert: Sämtliche Filme die ich belichtete, ausgerechnet der Yellowstone National Park, waren am Ende dermaßen blaustichig, dass ich nur mit Mühe und Photoshop alles wieder richten konnte. Doch das ist eine völlig andere Geschichte.

Es dauert, scheint’s, alles etwas länger in Kanada. Zum Beispiel: 1931 erhielt das Land auch nominell seine staatliche Unabhängigkeit im Britischen Commonwealth. Eine kanadische Staatsbürgerschaft gibt es aber erst seit 1947. Die neue Nationalflagge weht erst seit 1965 über der Hauptstadt Ottawa und die geltende Verfassung stammt aus dem Jahre 1982. Offenbar geht man’s gerne ruhig an in Kanada, gelassen. Ein sympathisches Land.

Den Nachbarn im Süden, die USA, findet man da, – bei aller Liebe, manchmal auch Hassliebe – zu hektisch, zu schrill, zu laut. Britisch unterkühlt ist man, oder französisch-rational. Das Lauteste in Kanada seit vielen Jahren: Im März 1995 bringt die Küstenwache einen spanischen Trawler wegen illegalen Fischfangs auf – Streit mit der EU um die Fangquoten vor Neufundland. Und: im Oktober 1995 schrammen die Separatisten der francokanadischen Profinz Quebec, die eine eigene Fahne, eigene Steuern und Gesetze fordern, in einem Referendum zum zweiten Mal knapp am Wahlerfolg vorbei. Beide Ereignisse schrecken die Weltöffentlichkeit nicht gerade auf.

Bescheidenheit und Zurückhaltung, sie ehren die rund 28 Millionen Kanadier (Stand 1995) um so mehr, als das ihr Land fast zehn Millionen Quadratkilometer zählt (nach Russland das zweitgrößte Land der Erde) und in der Weite seiner zehn selbst verwalteten Provinzen und zwei Territorien (Stand 1995) immer wieder über an Wunder grenzende Naturschönheiten verfügt – vor allem der stillen Art, versteht sich. Immerhin 15 Millionen Touristen (Stand 1995) kommen im Jahr ins Land. Niagara, den berühmtesten Wasserfall, und den mit 3769 Kilometern längsten Seeschiffahrtskanal der Welt, den St. Lorenz Strom, teilen sie sich mit den USA.

Groß das Land, 5514Kilometer von Ost nach West, aber keine Großmannsallüren: Nicht ein Furchterregendes Tier wie Bär oder Adler ziert das Wappen, sondern – ein Ahornblatt. Und die ROYAL CANADIAN MOUNTED POLICE, die berittenen Rotröcke mit dem breitkrempigen Hut, königlich, weil das Staatsoberhaupt der KING oder die QUEEN in London war und ist – diese Polizei kommt tatsächlich als Freund und Helfer. Autorität, aber nicht autoritär, war auch schon ihre Vorgängerin, die NORTH WEST MOUNTED POLICE, seit ihrer Gründung vor mehr als 148 Jahren (Stand 2021). Sioux Häuptling Sitting Bull stellte sich vertrauensvoll unter den Schutz dieser Truppe, als er nach dem Gefecht gegen US_General Custer am Little Big Horn 1876 nach Kanada floh.

Die europäischen Vorfahren der Kanadier, vorwiegend Franzosen und Engländer, waren ja auch nicht als Eroberer ins Land, sondern als Fischer an die im 16. Jahrhundert noch ertragreichen Küsten Neufundlands gekommen. Ausgerechnet die Mode in der Alten Welt machte es möglich, dass der weiße und der rote Mann, nachdem sie sich erst einmal begegnet waren und Geschenke, darunter kanadische Tierfelle, ausgetauscht hatten, per Pelz zu Partnern wurden, zu Handelspartnern: In Europa, wo nur der Adel Jagdrechte besaß, brauchte man auf’s dringlichste Tierfelle als Winterkleidung und für die Herstellung der gerade kreierten Filzhut-Mode.

Nicht Siedler und Soldaten also, sondern Händler und Höker zogen als erste zu den Indianern im Westen, und ihren größten Landgewinn machten die späteren östlichen Provinzen ganz friedlich, als sie 1870 der Hudson’s Bay Handelsgesellschaft ihren riesigen Marktbereich im Norden, jenseits des 60. Breitengrades, abkauften und damit das Staatsgebiet verdreifachten. Das partnerschaftliche Verhältnis aber blieb über die Jahrhunderte erhalten. Und das gilt bis heute auch für die anderen Bevölkerungsgruppen. Denn Minderheiten, könnte man sagen, sind sie alle. Ein Drittel der Einwohner haben britische, ein Viertel französische, jeweils ein knappes Fünftel andere europäische oder asiatische Vorfahren und zirka drei Prozent stammen ursprünglich aus Afrika. Sie alle leben mit den Nachkommen der Ureinwohner, 350.000 Indianern und 28.000 Inuit, nachbarschaftlich zusammen. Was für ein liebenswertes Land.

Text Stand 1995. Natürlich hat sich jetzt in den letzten 26 Jahren einiges geändert, aber dazu komme ich im Laufe der Geschichte, die nun erzählt wird noch genauer…

Wir reisten auf der „Klassischen Tour“ die wohl jedes „Greenhorn“ anwendet, wenn man das erste Mal in West-Kanada ist. Beginnend von VANCOUVER über die COAST MOUNTAINS, durchs OKANAGAN VALLEY in die ROCKY MOUNTAINS nach BANFF und JASPER. Zurück über den YELLOWHEAD HIGHWAY wieder durch die Coast Mountains nach VANCOUVER ISLAND. Dort von der Horseshoe Bay über ALBERNI nach TOFINO und UCLUELET und zurück nach Vancouver. Das ist in drei Wochen zu schaffen. Doch der wahre Schatz dieses Landes liegt nicht in der Kilometerfresserei, sondern ganz woanders…

VORGESCHICHTE

Wieder einmal saß ich über den Teilen meines alten Motorrades und grübelte über eine möglichst günstige Realisierung der Restauration. Ein Schmuckstück sollte sie wieder werden – nach fast 100.000 Kilometern gemeinsamer Fahrt. Wind und Wetter hatten in dieser Zeit ihre Spuren hinterlassen und so war eine Totalüberholung fällig geworden. Der große Motor stand schon fertig montiert im Keller, der Rahmen war frisch lackiert und wartete darauf mit dem Motor verheiratet zu werden. Wir, d.h. mein Freund Sönke und ich, konnten also mit dem Rückbau beginnen.

Sabine, die beste Frau von allen, versuchte zur selben Zeit einen anderen Traum zu verwirklichen: Eine Reise nach Kanada sollte es sein! Nicht mehr und auch nicht weniger. Die Sache ging ihr auch nicht aus dem Kopf. Ich sah diesem Umstand etwas nüchterner entgegen: Meine Ersparnisse waren so gut wie aufgebraucht – für die Restaurierung meiner Suzuki. Wir mussten also eine Lösung finden. So kamen wir dann überein, dass Sabine mir den Betrag für meinen Teil der Reise vorstrecken sollte, wie so oft. Und so wurde der Traum von ihr auch langsam der meinige.

An einem der darauf folgenden Tage trafen wir mit Udo, einem ehemaligen Arbeitskollegen von Sabine, zusammen, um einen Erfahrungsaustausch bezüglich dieser Reise abzuhalten. Er war im Jahr zuvor mit seiner Freundin und den Großeltern mit einem gemieteten PKW dort gewesen und war fasziniert. Anhand eines selbst gedrehten Videos konnte er uns seine Begeisterung noch bestärken. Der Vorteil, der jetzt zum Tragen kam war: Udo arbeitete nun in einem Reisebüro und so kamen wir in den Genuss einer „günstigeren“ Reise. Und wir einigten uns auf eine Fahrt mit dem PKW von Motel zu Motel. So ein Camper war uns dann doch zu groß.Die Buchung via HERTZ nahmen wir in Deutschland vor – Abholung in Kanada. Ebenso buchten wir auch unsere erste Nacht in einem Hotel – besser war das.

Nun dauerte es noch einige Wochen bis zum Abflug in das Land unserer Träume. So wurden von jetzt an nur noch Bücher, Reiseführer und dergleichen studiert und durchgeackert. Das Objekt unserer Begierde hieß BRITISH COLUMBIA und ALBERTA oder vielmehr die Nationalparks dieser beiden Provinzen. Meine letzten Zweifel waren weg gewischt. Jetzt WOLLTE ich dort hin, sollte es kosten was es wollte. Je mehr ich über Kanada nachdachte, desto hippiliger wurde ich. Man nennt es wohl Reisefieber – kannte ich bis dahin ja noch nicht. Und es war unsere erste gemeinsame Reise die so weit weg von zu Hause gehen sollte. Und sie sollte für uns das Schönste und unvergesslichste Erlebnis werden.

Das in den folgenden 20 Jahren darauf noch viel mehr und noch schönere Erlebnisse in diesem Land folgen sollten, das wussten wir natürlich zu diesem Zeitpunkt noch nicht…

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